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Geopolitische Risikoanalyse in Mittelständischen Unternehmen

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Der internationale Handel findet heute zu etwa 70 % innerhalb globaler Wertschöpfungsketten statt (OECD 2023). Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass immer mehr Unternehmen und Länder in komplexe Wertschöpfungsnetzwerke eingebunden sind. Für Unternehmen bieten globale Wertschöpfungsketten die Möglichkeit, die Vorteile der internationalen Arbeitsteilung zu nutzen und Handelsgewinne zu erzielen. Allerdings bedeutet dies im Gegenzug auch, dass geopolitische Krisen, selbst in weit entfernten Regionen, erhebliche Auswirkungen auf die Geschäftstätigkeit und das Überleben der Unternehmen haben können.

 

Geopoltische Konflikte - Wertschöpfungsketten in Gefahr

Die geopolitischen Krisen der letzten Jahre haben die Schwachstellen in den globalen Wertschöpfungsketten offengelegt. Der Krieg in der Ukraine, in Gaza, unsichere Transportrouten und Seewege (Bsp. Huthi-Rebellen im Roten Meer) sowie der zunehmende globale Wettbewerb um geopolitische Dominanz (Taiwan, Südchinesisches Meer) und um technologische Vorherrschaft (Mikrochip- u. KI-Entwicklung), zwischen den USA und China haben diese Problematik weiter verschärft. Sanktionen, Regulierungen, Strafzölle, Entkopplungsstrategien (Decoupling) und das Streben nach Selbstversorgung (Self-Reliance, Dual-Circulation) verstärken diese Dynamiken zusätzlich. Andererseits zeichnet sich eine Entwicklung hin zu einer multipolaren und fragmentierten Weltordnung ab, die über die Machtblöcke USA/Westen und China hinausgeht und durch neue Akteure, Allianzen und geopolitische Gravitationszentren (Indien, Globaler Süden), geprägt ist.

Diese Entwicklungen führen dazu, dass der internationale Handel mit bestimmten Waren und Technologien zunehmend erschwert wird und Unternehmen sowohl zu aktiven Akteuren als auch zu Spielbällen und Verhandlungsmasse im geopolitischen Machtpoker werden (Miscik et al. 2024).

Es überrascht daher nicht, dass in einer weltweiten Umfrage unter institutionellen Anlegern (Natixis 2024) das geopolitische Risiko als der wichtigste Einflussfaktor (49 %) für die Wirtschaft im Jahr 2024 benannt wird. Die Aufmerksamkeit der Unternehmen für geopolitische Fragen hat nach einem Höhepunkt zu Beginn der Ukraine-Krise etwas nachgelassen, verbleibt jedoch weiterhin auf erhöhtem Aufmerksamkeitsniveau (EY 2023).

 

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Geopoltische Risikoanalyse und KMU

Die geopolitische Risikoanalyse wird häufig mit Großunternehmen und multinationalen Konzernen in Verbindung gebracht, da diese in der Regel über die notwendigen Ressourcen verfügen, spezialisierte Teams für die Analyse globaler Risiken einzusetzen (KPMG 2019).

Doch auch für mittelständische Unternehmen, insbesondere für deutsche KMU, ist die geopolitische Risikoanalyse von entscheidender Bedeutung, denn Deutschland ist in einem Maß in den Weltmarkt eingebunden, das seit Jahren über dem anderer großer Volkswirtschaften liegt (Ulrich 2022).

Mehr als 75% aller deutschen Industrieunternehmen im Mittelstand (mit mindestens zehn Beschäftigten) sind im Außenhandel aktiv. 48% dieser Unternehmen sind als sogenannte "Two-way Trader" (Absatz- u. Beschaffungsmärkte) in komplexe globale Wertschöpfungsketten integriert. Risiken, Störungen oder der Wegfall ausländischer Absatz- und Beschaffungsmärkte haben für diese "Two-way Trader" eine größere wirtschaftlich Bedeutung als für Unternehmen, die ausschließlich importieren oder exportieren (IfM Materialien Nr. 302, 2023).

Viele KMU haben geopolitische Entwicklungen in der Vergangenheit eher vernachlässigt und nicht als maßgeblichen Risikofaktor betrachtet. Diese Einstellung hat sich jedoch angesichts des sich dramatisch wandelnden geopolitischen Klimas geändert. Eine Studie des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) aus dem Jahr 2023 zeigt deutlich, dass geopolitische Spannungen und Krisen in den nächsten fünf Jahren voraussichtlich die größten Beeinträchtigungen für die Unternehmen darstellen werden.

 

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Herausforderungen für KMU

Haben KMU die allgemeine Bedeutung geopolitischer Risikofaktoren erkannt, stehen sie vor einer doppelten Herausforderung: Zum einen bei der Durchführung einer fundierten Analyse und zum anderen bei der Umsetzung und Implementierung der daraus gewonnenen Maßnahmen zur Risikominimierung und -vermeidung.

KMU verfügen häufig nicht über die finanziellen und personellen Ressourcen, um umfassende und zeitintensive geopolitische Risikoanalysen durchzuführen. Im Vergleich zu großen Unternehmen haben sie oft eingeschränkten Zugang zu qualitativ hochwertigen und aktuellen Informationen über geopolitische Entwicklungen. Die geopolitische Risikoanalyse erfordert ein tiefes Verständnis globaler politischer, wirtschaftlicher und sozialer Dynamiken.

Es ist für KMU schwierig, die Komplexität der aktuellen geopolitischen Veränderungen (siehe Abb. 10 Geopolitische Entwicklungen für das Jahr 2024) zu erfassen und sämtliche relevanten und kumulativen Auswirkungen auf ihre Geschäftstätigkeit korrekt zu prognostizieren und zu interpretieren.

 

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Die Umsetzung von Maßnahmen zur Minimierung geopolitischer Risiken kann eine umfassende Anpassung der Geschäftsstrategie erfordern, einschließlich der Diversifizierung von Lieferketten (Nearshoring, Friendshoring, China+1), verstärkter Investitionen in lokale Produktion (Bsp. „in China für China“) und neue Absatzmärkte, um die Abhängigkeit von bestimmten Krisenregionen oder problematisch agierenden Ländern zu verringern.

Allerdings ist der Handlungsspielraum für KMU insbesondere im Zusammenspiel mit großen Lead-Unternehmen innerhalb der Wertschöpfungskette begrenzt, wenn sie den strategischen Entscheidungen des Leads folgen müssen. Zudem sind KMU oft stark spezialisiert. Sie können aufgrund ihrer Reaktionsschnelligkeit besonders gut Nischenstrategien umsetzen, die Spezialisierung erschwert jedoch gleichzeitig die Diversifizierung.

KMU müssen sich systematisch mit dem Management geopolitischer Risiken auseinandersetzen und Anpassungsstrategien entwickeln. Die Durchführung einer geopolitischen Risikoanalyse und die Umsetzung geeigneter Maßnahmen zur Minimierung dieser Risiken erfordern erhebliche Investitionen an Zeit, sowie notwendiger finanzieller und organisatorischer Ressourcen. Trotz dieser Herausforderungen ist es für KMU unerlässlich, geopolitische Risiken zu berücksichtigen, um ihre langfristige Stabilität und Wettbewerbsfähigkeit zu sichern (Chartered Institute of Internal Auditors 2023).

Autor: Dirk Müller (MBA; Dipl.-Pol. International Relations)
VBU-Partner in Shanghai/China 

Quellen:

Chartered Institute of Internal Auditors (2023): Navigating geopolitical risk - Building resilience demands collaboration in a challenging world.
EY (2023): 2024 Geostrategic Outlook - How to thrive amid ongoing geopolitical complexity.
KPMG (2019): The CEO as Chief Geopolitical Officer.
JAMI MISCIK, PETER ORSZAG, AND THEODORE BUNZEL: Geopolitics in the C-Suite More Than Ever, U.S. Foreign Policy Depends on Corporations—and Vice Versa, Foreign Affairs 2024-03-11.
Natixis (2024): NATIXIS INSTITUTIONAL OUTLOOK SURVEY - Brave new world, Geopolitical and economic uncertainty clouds 2024 outlook for institutional investors.
OECD (2023): Global value chains and trade.
https://www.oecd.org/trade/topics/global-value-chains-and-trade/
André Pahnke, Annika Reiff und Hans-Jürgen Wolter: Entwicklungstendenzen globaler
Wertschöpfungsketten aus Sicht mittelständischer Unternehmen, IfM-Materialien Nr. 302, 2023.
Ulrich, K.: Deutschlands umfangreiche Einbindung in internationalen Handel und globale
Wertschöpfungsketten, in: KfW Research (Hrsg.): Fokus Volkswirtschaft 411, 2022.

Titelfoto: D. Mueller

 

 



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