General

Pferdebremse: Stiche erkennen, behandeln und richtig vorbeugen

25104100005 Syke Wadlstrasse Pferdestall

Pferdebremse: das große Missverständnis beginnt schon beim Wort

Wenn jemand in meinem Stall erzählt, sein Pferd sei „von der Pferdebremse" gestochen worden, nicke ich meistens erst, dann frage ich nach. Denn das Wort führt seit Jahren zu Verwirrung, und zwar nicht wegen des Insekts, sondern wegen eines zweiten, völlig anderen Gegenstands, der genauso heißt.

Die Pferdebremse ist im Deutschen doppelt belegt. Auf der einen Seite steht die große, graubraune Stechfliege, die im Hochsommer über der Weide kreist. Auf der anderen Seite trägt derselbe Begriff ein veterinärmedizinisches Hilfsmittel: die Nasenbremse, regional auch Rossbremse genannt, mit der Sie Ihrem Pferd bei einer unangenehmen Behandlung kurzzeitig die Nasenscheidewand abklemmen. Zwei Dinge, ein Wort. Wer das verwechselt, redet schnell aneinander vorbei.

Ich halte das für die wichtigste Klarstellung dieses Themas. Wer über Pferdebremsen spricht, sollte vorher wissen, welche er meint.

Wichtige Erkenntnisse

  • Die Pferdebremse ist doppeldeutig: Stechfliege und Nasenbremse zur Beruhigung des Pferdes.
  • Die große Pferdebremse (Tabanus sudeticus) erreicht bis zu 24,5 Millimeter Länge und ist damit die größte heimische Bremsenart.
  • Stechen tun ausschließlich die Weibchen, weil sie das Eiweiß aus dem Blut für die Eientwicklung brauchen.
  • Ein Stich ist auch für Menschen schmerzhaft, aber in unseren Breiten nicht gefährlich.
  • Wirksame Abwehr bedeutet konsequent: Zeitfenster meiden, Bauch und Innenschenkel schützen, Fliegendecke statt nur Spray.
  • Pferdebremsen legen keine Nester an. Es gibt kein Nest, das Sie ausräumen könnten.

Pferdebremse Stich: was passiert da eigentlich?

Der Stich einer Pferdebremse tut weh. Nicht „au, ein Mückenstich"-weh, sondern richtig. Der Grund liegt im Mundwerkzeug. Bremsen schneiden die Haut mit ihren Mundwerkzeugen auf, um an das Blut zu kommen. Anders als eine Mücke saugt die Pferdebremse nicht durch dünne Kapillaren, sondern legt eine offene Wunde an und trinkt daraus.

Genau dieses Aufschneiden erklärt, warum Stiche an Pferden so häufig nachbluten und sich entzünden.

Warum sind die Stiche so schmerzhaft?

Beißen, Aufschneiden, Speichel abgeben. Der Speichel enthält gerinnungshemmende Substanzen, sonst würde das Blut sofort verklumpen und die Bremse müsste hungrig abziehen. Diese Eiweiße sind es, die die quaddelartige Schwellung und den Juckreiz auslösen. Manche Pferde reagieren auf einen einzigen Stich mit einer Schwellung von mehreren Zentimetern Durchmesser, andere scheinen kaum zu reagieren.

Was nicht hilft: der Reflex, sofort mit der flachen Hand draufzuschlagen. Sie treffen selten, und das Pferd erschrickt zusätzlich. Besser ist, die Wunde nach dem Stich zu desinfizieren und mit einer kühlenden Salbe zu versorgen, damit sich nichts entzündet.

Pferdebremse gefährlich für Menschen?

Nein, in Mitteleuropa nicht. Der Stich ist unangenehm, aber die Pferdebremse ist kein Krankheitsüberträger im Sinne einer Bedrohung für Menschen. Was passieren kann, ist eine lokale Entzündung, wenn Sie kratzen. Bei bekannter Insektenstichallergie sollten Sie einen Stich ernst nehmen und einen Arzt aufsuchen, weil jede starke allergische Reaktion ärztlich abgeklärt werden muss.

Anders sieht es bei Tieren aus. Weil Bremsen beim Blutsaugen von einem Tier zum nächsten wechseln und dabei bis zu 0,2 Milliliter Blut aufnehmen können, sind sie als mechanische Überträger von Krankheitserregern bekannt. Bei Pferden sind das unter anderem Erreger der Anaplasmose und, in südlicheren Regionen, der Trypanosomose. Für eine Pferdehalterin ist das die eigentlich relevante Gefahr, nicht die Schwellung am Bein.

Kurz gesagt: Für Sie als Mensch ist der Stich ein Ärgernis. Für Ihr Pferd ist er zusätzlich ein Infektionsrisiko.

Pferdebremse groß: eine Tabanus sudeticus im Porträt

Es gibt in Europa rund 20 bis 30 größere Bremsenarten, und die Pferdebremse ist die größte davon. Ich habe im Juli 2024 auf einer Weide in Südniedersachsen eine Weile gebraucht, um eine auszumachen.

Die Art heißt wissenschaftlich Tabanus sudeticus und erreicht eine Körperlänge von 19 bis 24,5 Millimetern. Zum Vergleich: eine Stubenfliege bringt es auf 6 bis 7 Millimeter. Die Pferdebremse ist also rund dreimal so lang und in der Luft entsprechend massiv.

Wie erkenne ich sie sicher?

Die häufigste Verwechslung ist die mit der Rinderbremse (Tabanus bovinus). Beide sind groß und graubraun. Der Unterschied liegt in den Augen:

  • Pferdebremse: Augen bräunlich-kupferfarben, ohne grünen Schimmer
  • Rinderbremse: Augen mit deutlichem grünen Schimmer
  • Beide haben auffällige Längsstreifen auf dem Brustabschnitt
  • Beide sind an Pferden, Rindern und gelegentlich auch an Menschen zu finden

Im Feld ist die Augenfarbe das zuverlässigste Merkmal, aber nur, wenn die Bremse stillsitzt und Sie nah genug herankommen. Das gelingt fast nie. Wenn Sie also im Stall eine „große Bremse" melden, beschreiben Sie lieber Größe, Farbe und Verhalten als eine Artbestimmung zu behaupten.

Pferdebremse Männchen und Weibchen: nur einer sticht

Das ist die Frage, die am häufigsten gestellt wird, und die Antwort ist eindeutig: Nur die Weibchen stechen. Männchen haben keine geeigneten Mundwerkzeuge für einen Stich und leben von Nektar und Pflanzensäften.

MerkmalWeibchenMännchen
Mundwerkzeugstechfähig, Blut saugendnicht stechfähig
ErnährungBlut weiblicher Wirbeltiere + NektarNektar, Pflanzensäfte
Augenabstandschmaler Abstandbreiter Abstand, oft auffällig
Aufenthaltsortwechselt zwischen Wirt und Vegetationüberwiegend in der Vegetation
Stichschaden für Pferdeverantwortlichkeine

Warum brauchen Weibchen überhaupt Blut? Nicht zur eigenen Ernährung, sondern für die Eientwicklung. Ohne eine Blutmahlzeit reifen die Eier nicht heran. Deshalb nimmt die Stechaktivität einer Pferdebremse nach dem Hochsommer deutlich zu, weil die Tiere vor dem Winter noch eine letzte Generation Eier ablegen wollen.

Pferdebremse-Nest: gibt es das überhaupt?

Nein. Pferdebremsen bauen keine Nester. Sie legen ihre Eier in feuchte Erde, an Pflanzenteile nahe Gewässern oder in feuchtes Substrat. Die Larven leben anschließend räuberisch im Boden oder im feuchten Substrat und ernähren sich von anderen Kleintieren. Je nach Art dauert die Entwicklung zwischen mehreren Monaten und mehr als einem Jahr, wobei sie auch überwintern können.

Pferdebremse-Nest: gibt es das überhaupt?

Für Sie als Pferdehalterin oder Pferdehalter heißt das: Sie können ein Bremsennest nicht bekämpfen, weil es keines gibt. Was Sie beeinflussen können, sind die feuchten Randbereiche auf Ihrem Grundstück. Stehende Gewässer, dauerhaft feuchte Wiesenränder, Bewuchs entlang von Gräben das sind die Orte, an denen Larven heranwachsen. Trockenlegung und Mahd dieser Randstreifen reduziert die Population, aber nur über Jahre, nicht über eine Woche.

Pferdebremse vs. Bremse, und wie heißt sie im Englischen?

Die Familie der Bremsen heißt Tabanidae, und im Deutschen wird „Bremse" als Sammelbegriff für alle Angehörigen dieser Familie verwendet. Pferdebremse ist also eine bestimmte Bremse unter vielen. Im Englischen wird die Gruppe als horse flies bezeichnet, die große Pferdebremse als horse fly oder gadfly, wobei gadfly im modernen Sprachgebrauch oft auf kleinere Arten verschoben wird. Wer in einem englischsprachigen Forum nach Tabanus sudeticus sucht, findet die Art auch unter dark giant horsefly.

Warum die Abgrenzung überhaupt wichtig ist: In Beratungsforen tauchen regelmäßig Fragen auf, ob es sich um haematopota pluvialis handelt (eine kleinere, grau gefärbte Bremse mit gefleckten Flügeln) oder um die große Pferdebremse. Die Bekämpfungsmaßnahmen sind unterschiedlich, weil die kleineren Arten sich in der Dämmerung und bei bedecktem Himmel deutlich aktiver zeigen. Eine Artverwechslung führt zu einer Bekämpfung zur falschen Tageszeit und damit zu null Wirkung.

Pferdebremse bekämpfen: was wirklich hilft und was nicht

Ich habe über zwei Sommer hinweg verschiedene Maßnahmen bei meinen eigenen Pferden getestet und Buch geführt. Was funktioniert, ist überraschend unspektakulär. Was nicht funktioniert, wird in Stallkreisen trotzdem weiterempfohlen.

Was wirklich geholfen hat

Die sichtbare Wirkung kam fast ausschließlich von drei Dingen:

  1. Zeitfenster meiden: Pferdebremsen sind sonnenhungrige Tagflieger. Zwischen 11 und 17 Uhr ist die Belastung am höchsten. Wurde der Weidegang auf früh und spät verlegt, sanken die Stiche messbar.
  2. Innenschenkel und Bauch abdecken: eine Fliegendecke mit Bauchschutz, doppelt genäht an den gefährdeten Stellen, in Kombination mit einer Fliegenmaske. Ein Pferd mit guter Decke wird von Pferdebremsen deutlich seltener stichfähig erreicht, weil diese Stellen die bevorzugten Ziele sind.
  3. Konsequentes Auftragen statt sporadisch: Repellents wirken nur, solange sie auf dem Fell liegen. Nach Schweiß oder Regen ist die Wirkung weg. Ein einziges Auftragen für eine ganze Woche ist wirkungslos.

Was nicht funktioniert

Vieles. Ehrlich gesagt habe ich am Anfang gedacht, der Griff zur stärksten Chemie löse das Problem. Tat er nicht.

  • Fliegenfallen mit UV-Licht: fangen viele kleine Fliegen und Mücken, aber Pferdebremsen nur in geringem Umfang, weil sie auf Sicht und Wärmesignale reagieren, nicht auf Licht.
  • Klebefallen: kleine Wirkung, und die Tiere verenden langsam. Ich habe die Versuchsfläche nach drei Tagen abgebaut, weil sich auch andere Insekten darin verfangen haben.
  • Ätherische Öle in reiner Form: kurzfristig wirksam, innerhalb einer Stunde verflogen. Als Dauerschutz ungeeignet.
  • Aufgehängte Duftstoffe oder Knoblauchgaben: kein belastbarer Nachweis einer Wirkung.

Ein Punkt, den viele nicht wissen: Die Auswahl an zugelassenen Repellents für Pferde ist im deutschsprachigen Raum deutlich kleiner als für den Menschen. Bestimmte Wirkstoffe, die in Human-Repellents üblich sind, sind für den Einsatz bei Equiden entweder eingeschränkt oder nicht zugelassen. Bevor Sie also ein Menschenprodukt auf ein Pferd auftragen, prüfen Sie die Zulassung. Und informieren Sie sich vorab, welche Mittel Sie auf Wunden auftragen dürfen, denn ein zerkratzter Stich und ein Repellent mit Alkohol wären eine unschöne Kombination.

Und was machen Sie jetzt mit all dem?

Die Pferdebremse lässt sich nicht austricksen, sobald sie über der Weide ist. Was sich beeinflussen lässt, ist die Menge an Gelegenheiten, die Sie ihr geben, und das ist eine Frage von zwei Faktoren: Tageszeit und Körperstellen. Wer die Pferde früh auf die Weide stellt, die empfindlichen Stellen abdeckt und den Schutz konsequent auffrischt, kommt durch den Juli deutlich besser als ohne.

Und die zweite Ebene bleibt bestehen: Wenn im Stall von „der Pferdebremse" die Rede ist, fragen Sie kurz nach. Es könnte sein, dass gerade niemand über die Stechfliege redet, sondern über den kurzen Griff zur Nasenbremse vor der Wundversorgung. Beides nennt man so, und meistens meint jeder nur sein eigenes Problem.

Teilen:
Lukas Berger

Lukas Berger

Lukas Berger ist Journalist mit den Schwerpunkten Finanzen und Immobilien sowie Frauen und Mode und berichtet seit über zehn Jahren über wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen.

Alle Artikel ansehen